Manches für die Tonne. Diese Woche.

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Gelegentlich versuche ich ja, die tagespolitischen Gegebenheiten auszublenden. #ihrkenntdas
Das gelingt leider – wenn überhaupt – nur in geringem Umfang. Ist ja auch schwierig: Der AfD / Pegida-Dumpfsinn entfacht des schlichten Wutbürgers Willen, wieder mal an Demos (neudeutsch: Spaziergängen) teilzunehmen, der Anführer einer bajuwarischen Einheitspartei möchte gerne nun auch Deutschland einzäunen, und schließlich steht der Russe jetzt auch schon in Syrien! Es ist zum Verzweifeln!

Wäre da nicht die Kultur. Und einen kulturellen Lichtblick hat mir heute Wladimir Kaminer verschafft, der mich (nicht nur) auf seinem facebook-account regelmäßig mit gleichermaßen kreativen wie erheiternden Weltsichten verwöhnt (Danke!).

Grund genug also, meinen Betrachtungen und Seitenhieben heute mal feuilletonistischen Charakter zu geben:


Zu beklagen ist: der Tod von Hellmuth Karasek. Darüber ist ausführlich an vielen Stellen geschrieben worden: also will ich mich zurückhalten. Dennoch werde ich einen Menschen vermissen, der mich (nicht nur intellektuell) bereichert hat. In der oft so selbstgefälligen Kulturszene war Karasek jemand, der nicht mit seinem unglaublichen Wissen kokettierte, sondern auf wirklich sehr feinsinnige und  ausgesprochen humorvolle Art und Weise eine Unterhaltungskraft entfalten konnte, die (nach wie vor) ihresgleichen sucht. Das nicht mehr zu haben, ist ein tiefer Verlust.

In gleichem Zuge ist Henning Mankell zu nennen. Nun habe ich – da ich mich eigentlich nicht für Kriminalprosa interessiere – bislang nichts von ihm, dennoch sehr viel über ihn gelesen. So ist er mir als differenziert denkender Moralist und Aufklärer in Erinnerung, der auch durch seine politische Haltung oft (im positiven Sinne) aneckte und zum Nachdenken aufforderte. Auch das wird fehlen.

Sie mögen beide ihren Frieden finden.


Und zur Welt der bewegten Bilder:

In der vergangenen Woche las ich einen Beitrag von Susan Vahabzadeh (schreibt u. a. für die SZ) über das amerikanische Kino. Sie konstatiert, dessen Hauptfiguren hätten ihre moralische Strahlkraft verloren, alles würde noch noch vom Bösen übertüncht. Da ich dieser Betrachtung grundsätzlich folgen kann, las ich neugierig weiter. Dummerweise bleibt ihre reichlich zeitgeistige Analyse in Vergleichen stecken: Clint Eastwood’s Dirty Harry mit den Cops aus Denis Villeneuves Sicario nebeneinander zu stellen, ist schon etwas gewagt. Mir fehlt auch eine Verbindung zur Gesellschaftsanalyse, denn schon seit Sergej Eisensteins filmtheoretischen Schriften wissen wir vom Kino als Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse und den damit verbundenen moralischen Aspekten. Die Frage, warum nun diese moralische Strahlkraft verloren ging, bleibt weitgehend unbeantwortet. Und im Schlusssatz quasi als Fazit dem Kino als solchem Eskapismus zu testieren, ist wirklich sehr wenig originell und schon gar nicht erhellend. Da fehlt was… Es ist doch ärgerlich, wenn solche Überlegungen unvollendet bleiben und ich frage mich dann immer, was das soll. So gehts nicht. Ich bin enttäuscht.

Die beinahe vergessene, griechische Finanzkrise bekommt nun auch Jason Bourne, Protagonist der gleichnamigen Filmsaga zu spüren: das neue Epos (erscheint im Sommer 2016…) spielt in Griechenland, wird aber nun auf Teneriffa gedreht. Es geht – richtig – um’s Geld. Von Universal hört man, die verschlungene Bürokratie und die ungünstige Steuerpolitik Griechenlands sei verantwortlich. Übersetzt: Die feinfühlige griechische Regierung mochte der Produktion am Originalschauplatz keine der sonst branchenüblichen Steuergeschenke zusprechen. Die genieren sich da wohl im Augenblick etwas…. Teneriffa ist da schmerzfrei(er). Noch Fragen?

Noch mal Kino:

Und jetzt bitte ganz viel Kraft zeigen: von der Blockbuster-Front bekommen wir die Drohung, dass die Spielzeugfirma Hasbro noch vier(!) weitere Episoden des sinnfreien Transformer-Debakels produzieren wird. Mit angeschlossenen Verwertungskette natürlich… Dagegen wirkt ja die Ankündigung von Ridley Scotts Weltraum-Robinsonade The Martian mit Matt Damon mit Völkerverständigung-Finale wie die Ankündigung von Hochkultur… Ich denke ich, ich konzentriere mich auf den nächsten Bond. James Bond. Kommt ja jetzt auch… 😉


Nun aber zum geschriebenen Wort:

Komisch finde ich zwischen allerlei Neuerscheinungungen ein 288 Seiten(!) starkes Werk des Stefan Zweig-Kenners Ulrich Weinzierl, der uns in einem neuen Buch (Zweigs brennendes Geheimnis, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015) nach detektivischer Kleinstarbeit durch Briefe, Tagebücher und sonstige Nachlässe nun endgültig Gewissheit verschafft: Stefan Zweig war ein Exhibitionist! Das ist doch mal ein Erkenntnisgewinn, der ein völlig neues Licht auf das gesamte Zweig’sche Schaffen wirft oder? Das wollten wir ja schon immer mal wissen. Manchmal frage ich mich ernsthaft, was solche Autoren eigentlich umtreibt…


Neue online-Medien…

… beglücken uns ja auch: mit bento (übrigens ein Begriff aus der asitatischen fastfood-Verpackungs-Szene: nomen est omen?…) hat die Spiegel-online – Leitung eine jugendlich wirkende Crew berufen, die nun mit einer jugendschwangeren website über eben diese Zielgruppe herfallen soll. Credo der hippen Jungredakteure: Wir wollen für euch aus der Welt und dem Web berichten, spannende Geschichten erzählen und ein bisschen Quatsch machen.

Im Ernst jetzt: Ich hab voll den Schreck bekommen!! Trotzdem gleich mal nachgesehen. Dann mein Fazit: Das kann eigentlich nur schief gehen, wenn man sich an buzzfeed, Huffington, storyfox, heftig und vergleichbaren Kanälen orientiert und dann tatsächlich meint, Flach-content / -webdesign, wäre DER Aufforderungscharakter für Jugendliche (neudeutsch: kids) im web, um sich weltpolitisch orientieren zu wollen. Das ist nicht mal ambitioniert, sondern einfach nur doof – sorry. Ich hatte ja fast ein schlechtes Gewissen, dass ich als alter Sack eine an kids (ja! – ich kann auch anglizistisch!) gerichtete Seite so böse qualifiziere. Doch dann fand ich den Beitrag des 18jährigen Miguel Robitzky, der da noch bissiger zu Sache kommt – und übrigens unterhaltsam schreiben kann! Mir aus der Seele, sozusagen. Was hab ich (laut!) gelacht! Da war ich froh und hab so gedacht: Juchu, wir alten Säcke blicken auch noch ab und zu mal durch :-D. Wie schön.


Und (fast) neue Musik gibts!

Don Henley (seit früher Jugend einer meiner erklärten Lieblingsbarden) überrascht nicht nicht mehr. Aber ich muß Ferdy Doernberg zitieren (…einer der umtriebigsten singer/songwriter-, Studio-, live- Musiker, die ich kenne; zudem ein langjähriger wie guter Freund), der neulich beim gemeinsamen Abendessen bekundete: Selbst dann, wenn Don Henley aus einem Telefonbuch vorsingt, ist das noch cool.
Recht hatter! Henley’s neues Album Cass County (Universal Music Group) strotz vor eben dieser Souveränität. Der Eagles– Mitbegründer versammelte – mehr aus Spaß an der Freude – für diese wirklich sehr schöne Sammlung unterschiedlichster Songs einige Bekannte und Freunde (Miranda LambertMerle Haggard, Mick Jagger, Jamey Johnson, Martina McBride, Alison Krauss, Dolly Parton, Vince Gill) im Studio und spielte eine Platte ein, die amerikanischer kaum sein könnte. Wer das sehr klug produzierte Album auf das Attribut Country herunterbricht, hat nicht viel von dieser Musik verstanden. Bei mir zwar nicht in der Dauerschleife, aber doch immer wieder und immer wieder sehr gerne im CD-Spieler. Macht einfach Spass, aufmerksam und entspannt Musik und Texten zu folgen, die auch nach wiederholtem Hörgenuss noch ein zusätzliches Schnippselchen an Neuem parat haben… Meine Zugabe: bei YouTube findet sich zur Vorstellung dieser Platte ein unterhaltsames Interview mit Don Henley. Geführt übrigens von keinem Geringeren als Billy Joel. Das von 92Y produzierte Interview gibts hier. Dazu sollte man sich aber lohnende eineinhalb Stunden Zeit nehmen…

Und sonst?

Ich hätte ja noch was zum Thema Esskultur beizutragen, nachdem ich über einen Artikel über veganen fastfood (?!?) gestolpert bin, aber dazu ein andermal mehr – Fontanes‘ Briest hätte jetzt sicher gesagt: Das ist ein weites Feld, Luise…

So verbleibe ich bis zum meinen nächsten Ausbrüchen

mit guten Wünschen zu kommenden Woche

Eurer Christoph

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