Gibt es sie noch, die guten Dinge?

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Kompliziert ist die Welt und war sie eigentlich immer. Dennoch gibt es ein paar Montags-Spaziergänger, die das einfach einen Dreck schert: für sie ist die Welt einfach und schlicht, und wer sie ihnen kompliziert macht (Merke: Vorsatz!), ist eben klar als Abendlandkulturfeind ausgemacht. Herr Bachmann ist nicht so dumm, wie wir annehmen – zumindest ist er bequem. Sich parteipolitisch zu engagieren, ist halt schon deutlich anspruchsvoller, als unverdrossen in sozialen Medien herumzupöbeln, Gleichgesinnte auf die schon zitierten lautstarken Spaziergänge zu schicken, allerlei Hinrichtungsgerät für bekannte Politiker als alberne Bastelei hinzustellen und krude Redner zu engagieren.

Ich finde nur erstaunlich, dass es immer noch diese relativierenden ist ja gar nicht so schlimm oder das sind ja nun `n paar  – lass die doch! und war doch nicht wirklich sooo gemeint -Kommentare gerade in intellektuellen Kreisen gibt. Bloß keine Stellung beziehen? Und in gleichem Atemzug dann dieses quasi-liberale man muss doch mit den reden – Herumgeeiere. Blödsinn. Die wollen gar nicht reden. Wollen die nicht. Die wollen auch keine Ahnung haben. Sich mit nichts auseinandersetzen. Wollen die nicht. Da auch ist alle gesellschaftlich gewünschte Dialogwut völlig nutzlos. Die wollen auch kein verwirrendes Wissen – obwohl es noch nie so einfach und so schnell möglich war, sich das beschaffen zu können. Das setzt aber eine Willensbekundung voraus. Statt dessen benutzen sie die Lügenpresse-Beschimpfung als Ausrede für die eigene mediale Dummheitheiten. Sie befeuern damit auch ihre Selbststigmatisierung und spielen sich als unverstandenen Märtyrer auf. Interessant übrigens: das ist ein Vorgang, der sich auch sehr viel bei recht konservativen religiösen Strömungen wiederfinden.

Da fällt es mir nicht schwer, zu sagen: Abgrenzen, bitte. Und zwar schnell und konsequent. Sonst kommt dieser weinerlich-egozentrische Frustrationsmüll tatsächlich noch in der Mitte der Gesellschaft an. Herr B. Höcke von der AfD versucht das ja (zum Glück) reichlich erfolglos. Bei dem bin ich mir übrigens noch nicht sicher, ob er auch wirklich meint was er sagt. Ich vermute aber: der ist gerissener, als er sich in peinlichen Talkrunden gibt. Was dann wiederum zu bedauern ist.

Kompliziert also. Wie schon gesagt.


Doch ab und zu wachen ja auch mal ein paar Leute in den gutbürgerlichen Kreisen auf: wem Sascha Lobo’s Qaida – Vergleich mal wieder zu drastisch vorkommt, hat spätestens dann erblasst Katalog und Meißner Kaffeegeschirr aus der Hand gelegt, als er erfuhr, das der Gründer der wahren und guten Manufactum-Dinge, Thomas Hoof auch Verleger eines gewissen Akif Pirinçci ist. Mahlzeit.

Die von Hoof angezettelte, wertkonservative Selbstdarstellung Manufactums – immer gewürzt mit weitschweifiger Katalog-Prosa – hat damit auch einen gewissen ideologischen Bodensatz, wie sich jetzt feststellen lässt. Mittlerweile lässt sogar Manufaktum daselbst verlauten, man distanziere sich ausdrücklich vom Gründer.

Gibt es sie also noch, die guten Dinge?

Man darf zweifeln.


Wie kompliziert die Welt doch ist, zeigt uns ja auch das derzeitige Fußballverbandsdebakel. Dass Herr Niersbach schon mal vergisst, den durchaus nicht besonders nennenswerten Betrag von 6,7 Millionen Euro verschoben zu haben, kann ich schon verstehen. Auch, dass ihn das emotional trifft, wie er bei der Eröffnung eines einschlägigen Museums mit bebender Stimme im Kreise seiner Abhäng… ääh Sportsfreunde bekundet. Was aber nicht verstehe, ist das Schweigen der ach-so-vielen Fans, die sich weiterhin frohgemut das Geld für derartigen Größenwahn aus der Tasche ziehen lassen und sonst: davon nichts wissen wollen.

Jaja – ich weiß schon: die guten Dinge. Sommermärchen und so… Wie schön!

Gibt’s nicht mehr.


Wir mussten ja nun auch völlig überraschend feststellen, dass unsere Dieselkraftfahrzeuge keine sich selbst regenerierenden Naturprodukte sind. Erstaunlich.

Statt dessen brechen also immer mehr unkomplizierte und schöne Scheinwelten um uns zusammen, Lug und Trug – wohin das Auge blickt. Wahrscheinlich ist sogar der immer noch fallende Ölpreis ein hoax.


Aber bitte: nicht mutlos werden.

Wir haben ja mittlerweile genug gadgets zur Selbstoptimierung um uns versammelt, dass schon noch alles gut werden wird.

Von kulinarischen Genüssen ganz zu schweigen! – Die Industrie hält da ja für jede noch so weltenferne Randgruppe noch etwas Passendes bereit. Ich wundere mich jedes mal wieder über die neue Artenvielfalt, wenn ich an den Regalen des mir vertrauten Supermarktes vorbei flaniere, nur um ein plumpes Stück Käse oder eine profane, handelsübliche Wurstware zu erwerben.

So finde ich es überraschend, wie viele Menschen (die das vorher offensichtlich gar nicht gewusst haben!) mit einer Laktoseintoleranz unterwegs sind. Jedenfalls wäre das ein Rückschluss auf die vielen angebotenen Produkte, die in dieser Richtung plötzlich in den Regalen liegen. Und obwohl manche dieser Lebensmittel von Natur aus überhaupt keine Laktose enthalten, steht aber noch mal fettgedruckt drauf: Keine drin! Hm.
Auch ein anderes Supermarktfundstück aus dem Kühlregal brachte mich ins Grübeln: warum ein vegan-eingestellter Mensch (zur Erinnerung: die lehnen Fleischprodukte sehr grundsätzlich ab…) nun in ein Stück vegane Wurst beißen möchte, hat sich mir noch nicht erschlossen. Ehrlich. Zwar gibt es jetzt auch veganen fastfood, aber ich erinnere mich noch deutlich: vor etwa einem Jahrzehnt wusste kaum jemand, wie man vegan richtig schreibt…

Doch vielleicht wird die Welt ja jetzt davon ein Stück besser, wer weiß?

Schon schwierig, sich heutzutage zu outen. Als jemand der gern die gute, alte Wurst mit Genuß essen kann. Ich tu’s aber.
Und mal unter uns: ich weiß auch nicht wirklich genau, ob der Kaffee, den ich auf dem Bild in der Hand halte, fair getradet ist…


Ich sehe den kommenden zwei Wochen eher neugierig ins Auge.

Da findet sich sicher wieder etwas, über das sich – hoffentlich angemessen – schreiben lässt…

Also: immer hübsch dran bleiben. An dieser komplizierten Welt

wünscht sich

Christoph

tb_logokl

Manches für die Tonne. Diese Woche.

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Gelegentlich versuche ich ja, die tagespolitischen Gegebenheiten auszublenden. #ihrkenntdas
Das gelingt leider – wenn überhaupt – nur in geringem Umfang. Ist ja auch schwierig: Der AfD / Pegida-Dumpfsinn entfacht des schlichten Wutbürgers Willen, wieder mal an Demos (neudeutsch: Spaziergängen) teilzunehmen, der Anführer einer bajuwarischen Einheitspartei möchte gerne nun auch Deutschland einzäunen, und schließlich steht der Russe jetzt auch schon in Syrien! Es ist zum Verzweifeln!

Wäre da nicht die Kultur. Und einen kulturellen Lichtblick hat mir heute Wladimir Kaminer verschafft, der mich (nicht nur) auf seinem facebook-account regelmäßig mit gleichermaßen kreativen wie erheiternden Weltsichten verwöhnt (Danke!).

Grund genug also, meinen Betrachtungen und Seitenhieben heute mal feuilletonistischen Charakter zu geben:


Zu beklagen ist: der Tod von Hellmuth Karasek. Darüber ist ausführlich an vielen Stellen geschrieben worden: also will ich mich zurückhalten. Dennoch werde ich einen Menschen vermissen, der mich (nicht nur intellektuell) bereichert hat. In der oft so selbstgefälligen Kulturszene war Karasek jemand, der nicht mit seinem unglaublichen Wissen kokettierte, sondern auf wirklich sehr feinsinnige und  ausgesprochen humorvolle Art und Weise eine Unterhaltungskraft entfalten konnte, die (nach wie vor) ihresgleichen sucht. Das nicht mehr zu haben, ist ein tiefer Verlust.

In gleichem Zuge ist Henning Mankell zu nennen. Nun habe ich – da ich mich eigentlich nicht für Kriminalprosa interessiere – bislang nichts von ihm, dennoch sehr viel über ihn gelesen. So ist er mir als differenziert denkender Moralist und Aufklärer in Erinnerung, der auch durch seine politische Haltung oft (im positiven Sinne) aneckte und zum Nachdenken aufforderte. Auch das wird fehlen.

Sie mögen beide ihren Frieden finden.


Und zur Welt der bewegten Bilder:

In der vergangenen Woche las ich einen Beitrag von Susan Vahabzadeh (schreibt u. a. für die SZ) über das amerikanische Kino. Sie konstatiert, dessen Hauptfiguren hätten ihre moralische Strahlkraft verloren, alles würde noch noch vom Bösen übertüncht. Da ich dieser Betrachtung grundsätzlich folgen kann, las ich neugierig weiter. Dummerweise bleibt ihre reichlich zeitgeistige Analyse in Vergleichen stecken: Clint Eastwood’s Dirty Harry mit den Cops aus Denis Villeneuves Sicario nebeneinander zu stellen, ist schon etwas gewagt. Mir fehlt auch eine Verbindung zur Gesellschaftsanalyse, denn schon seit Sergej Eisensteins filmtheoretischen Schriften wissen wir vom Kino als Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse und den damit verbundenen moralischen Aspekten. Die Frage, warum nun diese moralische Strahlkraft verloren ging, bleibt weitgehend unbeantwortet. Und im Schlusssatz quasi als Fazit dem Kino als solchem Eskapismus zu testieren, ist wirklich sehr wenig originell und schon gar nicht erhellend. Da fehlt was… Es ist doch ärgerlich, wenn solche Überlegungen unvollendet bleiben und ich frage mich dann immer, was das soll. So gehts nicht. Ich bin enttäuscht.

Die beinahe vergessene, griechische Finanzkrise bekommt nun auch Jason Bourne, Protagonist der gleichnamigen Filmsaga zu spüren: das neue Epos (erscheint im Sommer 2016…) spielt in Griechenland, wird aber nun auf Teneriffa gedreht. Es geht – richtig – um’s Geld. Von Universal hört man, die verschlungene Bürokratie und die ungünstige Steuerpolitik Griechenlands sei verantwortlich. Übersetzt: Die feinfühlige griechische Regierung mochte der Produktion am Originalschauplatz keine der sonst branchenüblichen Steuergeschenke zusprechen. Die genieren sich da wohl im Augenblick etwas…. Teneriffa ist da schmerzfrei(er). Noch Fragen?

Noch mal Kino:

Und jetzt bitte ganz viel Kraft zeigen: von der Blockbuster-Front bekommen wir die Drohung, dass die Spielzeugfirma Hasbro noch vier(!) weitere Episoden des sinnfreien Transformer-Debakels produzieren wird. Mit angeschlossenen Verwertungskette natürlich… Dagegen wirkt ja die Ankündigung von Ridley Scotts Weltraum-Robinsonade The Martian mit Matt Damon mit Völkerverständigung-Finale wie die Ankündigung von Hochkultur… Ich denke ich, ich konzentriere mich auf den nächsten Bond. James Bond. Kommt ja jetzt auch… 😉


Nun aber zum geschriebenen Wort:

Komisch finde ich zwischen allerlei Neuerscheinungungen ein 288 Seiten(!) starkes Werk des Stefan Zweig-Kenners Ulrich Weinzierl, der uns in einem neuen Buch (Zweigs brennendes Geheimnis, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015) nach detektivischer Kleinstarbeit durch Briefe, Tagebücher und sonstige Nachlässe nun endgültig Gewissheit verschafft: Stefan Zweig war ein Exhibitionist! Das ist doch mal ein Erkenntnisgewinn, der ein völlig neues Licht auf das gesamte Zweig’sche Schaffen wirft oder? Das wollten wir ja schon immer mal wissen. Manchmal frage ich mich ernsthaft, was solche Autoren eigentlich umtreibt…


Neue online-Medien…

… beglücken uns ja auch: mit bento (übrigens ein Begriff aus der asitatischen fastfood-Verpackungs-Szene: nomen est omen?…) hat die Spiegel-online – Leitung eine jugendlich wirkende Crew berufen, die nun mit einer jugendschwangeren website über eben diese Zielgruppe herfallen soll. Credo der hippen Jungredakteure: Wir wollen für euch aus der Welt und dem Web berichten, spannende Geschichten erzählen und ein bisschen Quatsch machen.

Im Ernst jetzt: Ich hab voll den Schreck bekommen!! Trotzdem gleich mal nachgesehen. Dann mein Fazit: Das kann eigentlich nur schief gehen, wenn man sich an buzzfeed, Huffington, storyfox, heftig und vergleichbaren Kanälen orientiert und dann tatsächlich meint, Flach-content / -webdesign, wäre DER Aufforderungscharakter für Jugendliche (neudeutsch: kids) im web, um sich weltpolitisch orientieren zu wollen. Das ist nicht mal ambitioniert, sondern einfach nur doof – sorry. Ich hatte ja fast ein schlechtes Gewissen, dass ich als alter Sack eine an kids (ja! – ich kann auch anglizistisch!) gerichtete Seite so böse qualifiziere. Doch dann fand ich den Beitrag des 18jährigen Miguel Robitzky, der da noch bissiger zu Sache kommt – und übrigens unterhaltsam schreiben kann! Mir aus der Seele, sozusagen. Was hab ich (laut!) gelacht! Da war ich froh und hab so gedacht: Juchu, wir alten Säcke blicken auch noch ab und zu mal durch :-D. Wie schön.


Und (fast) neue Musik gibts!

Don Henley (seit früher Jugend einer meiner erklärten Lieblingsbarden) überrascht nicht nicht mehr. Aber ich muß Ferdy Doernberg zitieren (…einer der umtriebigsten singer/songwriter-, Studio-, live- Musiker, die ich kenne; zudem ein langjähriger wie guter Freund), der neulich beim gemeinsamen Abendessen bekundete: Selbst dann, wenn Don Henley aus einem Telefonbuch vorsingt, ist das noch cool.
Recht hatter! Henley’s neues Album Cass County (Universal Music Group) strotz vor eben dieser Souveränität. Der Eagles– Mitbegründer versammelte – mehr aus Spaß an der Freude – für diese wirklich sehr schöne Sammlung unterschiedlichster Songs einige Bekannte und Freunde (Miranda LambertMerle Haggard, Mick Jagger, Jamey Johnson, Martina McBride, Alison Krauss, Dolly Parton, Vince Gill) im Studio und spielte eine Platte ein, die amerikanischer kaum sein könnte. Wer das sehr klug produzierte Album auf das Attribut Country herunterbricht, hat nicht viel von dieser Musik verstanden. Bei mir zwar nicht in der Dauerschleife, aber doch immer wieder und immer wieder sehr gerne im CD-Spieler. Macht einfach Spass, aufmerksam und entspannt Musik und Texten zu folgen, die auch nach wiederholtem Hörgenuss noch ein zusätzliches Schnippselchen an Neuem parat haben… Meine Zugabe: bei YouTube findet sich zur Vorstellung dieser Platte ein unterhaltsames Interview mit Don Henley. Geführt übrigens von keinem Geringeren als Billy Joel. Das von 92Y produzierte Interview gibts hier. Dazu sollte man sich aber lohnende eineinhalb Stunden Zeit nehmen…

Und sonst?

Ich hätte ja noch was zum Thema Esskultur beizutragen, nachdem ich über einen Artikel über veganen fastfood (?!?) gestolpert bin, aber dazu ein andermal mehr – Fontanes‘ Briest hätte jetzt sicher gesagt: Das ist ein weites Feld, Luise…

So verbleibe ich bis zum meinen nächsten Ausbrüchen

mit guten Wünschen zu kommenden Woche

Eurer Christoph

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