Kirche rockt. Nicht.

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Also wer jetzt hier was über die Flüchtlingsdebatte lesen möchte: bitte an die Tagespresse und/oder einschlägige Nachrichtenmagazine wenden. Hier geht’s heute mal in eine ganz andere Ecke.


Nämlich Richtung Kirchenmusik.

Und jetzt bitte einen Schreck bekommen. Und weiterlesen.

Ich muss kurz (hoffentlich gelingt’s!) ausholen: Der Anlass zu diesem Beitrag ergab sich aus meiner langen Betrachtung aus der Sicht des kirchenaktiven und der des Rockmusikers / Bandcoachs. Zudem aus neuen Kircheninitativen und – sehr aktuell – aus einem Diskurs mit einem engagierten Pfarrer in einem bekannten sozialen Netzwerk. Wichtig: dieser Beitrag richtet sich nicht nur an (Kirchen-) Musiker. Aber natürlich auch.

Und Vorsicht – Der Beitrag polarisiert und ist an einigen Stellen wirklich polemisch!

Soll er auch.

Denn ich finde es sehr, sehr ärgerlich, wenn Kirche auf der einen Seite ständig beklagt, dass ihr die Leute wegrennen und/oder nicht bleiben, auf der anderen Seite aber in vielerlei Hinsicht nichts dagegen tut, obwohl es durchaus Möglichkeiten gäbe.


Stein meines Anstoßes waren also ein paar sogenannte moderne Kirchenlieder, die auch in Gesangbüchern abgedruckt werden. Man muss dazu verstehen, dass diese Lieder im Kirchsprech reichlich verquast, weltenfern und zudem (bis auf Ausnahmen) unzutreffend mit der Kategorie moderne Popularmusik in Kirche belegt werden. Alles klar?

Bei dem so apostrophierten Musikgut handelt es sich übrigens fast ausschließlich um seichte Pop-/Folk-/Protest-/Mitmach-Stückchen aus den siebziger Jahren. So kämpft heute (zur Erinnerung: wir schreiben das Jahr A.D. 2015!) der durchschnittliche Konfirmandenunterricht immer noch mit den musikalischen Spätfolgen dieser Dekade.

Solche Musik hören wir aber heute nicht mehr (oft). Jedoch machen die Konfis das alles meist brav mit (was sollen sie denn auch sonst machen?), und es gibt viele Pfarrer, die versuchen, diese Musik mit viel Energie ans Kirchenvolk zu bringen.

Sie haben ja nichts anderes. Woher auch?

Doch dazu später.

Jetzt habe ich erst mal ein paar Aufreger für die klassischen Kirchenmusiker an Orgel, Posaune oder Gospelchor:

Erschreckend innovativ wird es musikalisch in der Kirche, wenn schon mal auf der Orgel zu Beginn des Gottesdienstes ein Stück von Lady Gaga intoniert wird. Ist kein Witz – das hab ich selbst erlebt. Auf meine erstaunte Nachfrage hieß es: modern. Ich habe mich nach dem ersten Schock in gleichem Zuge übrigens gefragt, warum bisher niemand modern fand, ein Stück von den Stones auf einem Spinett einzuspielen. Ich hoffe, die Antwort ist selbsterklärend. Mann, mann…

Es gibt übrigens viele ähnliche Beispiele, die ich auf Nachfrage zu Unterhaltungszwecken gerne weitergebe.

Ein Wort aber doch noch zu den vielen sogenannten Gospelchören, die ja jetzt unglaublich in Mode sind. Es ist – so erlebe ich das – so mit das allermodernste, was Gemeinden sich trauen, ihren Kirchenbesuchern überhaupt zuzumuten. Das klingt übrigens in Regel so, wie vermutet wird, das Gospel so klingen müsste. Naja… Gut, gut: ich hör schon auf, ich werde kleinlich….


Zurück zum Thema: eine Band im Gottesdienst? Das geht nicht. Höchstens ein Keyboard mit Gitarre, verschanzt hinter Notenständern. Band ist zu laut. Da rennen alle raus – wird gerne argumentiert.

Jetzt werde ich nochmal kleinlich: Ich habe noch niemanden erlebt, der bei voll registriertem Kirchenorgel-Vorspiel rausgegangen ist, weil ihm das zu laut war. Gilt übrigens auch für ein voll besetztes Bläser-Ensemble, das eigentlich fast noch lauter als die zitierte Orgel ist. Dabei entspricht der dort erreichte Pegel etwa dem gleichen Niveau, wie dem einer Band.

Daran kann es also offensichtlich nicht liegen.

Bleiben wir beim Publikum: Zu modern (was immer das ist…) darf die Kirchenmusik nicht werden, wird immer gesagt, weil nämlich dann die alten Leute (…also in der Regel, die, die überhaupt noch zum Gottesdienstbesuch kommen / Anm. d. Ver.) wegbleiben.

Wird immer gesagt.

Ich halte das für ein Scheinargument und für einen Irrtum, auch deshalb, weil damit unterstellt wird, dass alle jenseits von fünfzig/sechzig Jahren Pop- und Rockmusik hassen. Was natürlich völliger Quatsch ist.
Diesbezügliche Experimente (leider viel zu wenig durchgeführt) zeigen zu dem etwas anderes: bei gut eingeführter Pop- oder Rockmusik in Gottesdiensten bleiben die Älteren durchaus da. Und zu allem Überfluss: die Jüngeren und Mittel-Alten beginnen, sich über diese Musik wieder für Kirche zu interessieren und kommen wieder.

Das geht. Und ist gar nicht so schwer.

Doch warum ist das so selten? Warum ist die Ablehnung so groß und warum so wenig Initiative da?

Es ist ja nicht so, dass es keine Leute gibt, die da gerne helfen möchten. Aber bei näherer Betrachtung wenden sie sich oft kopfschüttelnd ab.

Und das zu Recht.
Folgende, realistische Fantasie:

Ein Rockmusiker, der seit einige Jahren in diversen säkularen Bands unterwegs ist und einiges musikalisch auf dem Schirm hat, hat zu seinen kirchlichen Wurzeln zurückgefunden und überlegt sich, mit seinem erworbenen Wissen zu helfen.
Das wird ihm aber schwer gemacht. Denn: um Musik offiziell in einer Gemeinde anleiten zu dürfen, bedarf es einer gewissen Anzahl kostenpflichtiger Kurse (mit Aufnahmeprüfung!), die sich zudem fast ausschließlich mit klassischen, musikalischen Grundlagen beschäftigen. Das mag zwar ganz interessant und erhellend sein, geht aber an der Realität von Rock-und Popmusik völlig vorbei.
Also sucht unser Rockmusiker schnell das Weite.

Diese Ausbildungsauflagen hängen (durchaus erklärbar) mit tradierten, kirchenmusikalischen Strukturen zusammen, die von den Kirchenoberen weitestgehend zementiert werden. Verzeihung – Ausnahme ist natürlich: moderne Popularmusik in Kirche (s.o.)
Übrigens wird in den Kirchenmusiker-Stellenanzeigen eben das immer öfter für die Gemeinden gefordert: Bandarbeit. Innovative Ideen. Ich kenne aber keinen ernsthaften und gutwilligen Rockmusiker (und ich kenne wirklich einige…)., der einen Kirchenmusikschein macht. Wer bewirbt sich also? Klassisch ausgebildete Musiker, die einen workshop belegen und dann was produzieren? Genau! – moderne Popularmusik in Kirche (s.o. noch mal). So beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein Schelm! – der Böses dabei denkt…

Dennoch gibt es Ausnahmen: (überwiegend) in vielen Freikirchen gibt es worship-Bands, die oft erstaunlich gut sind. Allerdings ist das eben auch nicht wirklich Rock- oder Pop, sondern eher eine Art Funktionsmusik zum sogenannten Lobpreis – das wird schon gerne mal verwechselt… Aber immerhin geht das dort schon, und deren Jugendgottesdienste sind  – im Gegensatz zu denen der Landeskirchen – immer erstaunlich voll.

Es gibt auch Initiativen einzelner Landeskirchen, die versuchen, über Foren-artige Internetpräsenzen (durchaus auch in sozialen Netzwerken) Kirchenmusik wieder in den Mitmach-Fokus zu rücken – leider eben nur halbgar: neue Angebote/Initiativen (z.B. für Rock-/Pop) finden sich hier explizit nicht. Bei genauer Durchsicht fällt auf: durchgängig bereits Etabliertes. (An-)Gepriesen werden in den Programmen fast ausschließlich Kurse für Orgelmusik, Posaunenchöre, Gospelchöre, Singen mit Kindern. Nicht zu vergessen die Veranstaltungs-Angebote für das breite Publikum: Orgelkonzerte, Gospelchöre und Gospelchöre. Und Bläser. Und Orgelkonzerte. Und nicht, das mir jemand vorwirft, ich recherchiere schlampig – stimmt! – Es tauchen auch ab und zu die etablierten Kirchenliederbarden mit dem schon erwähnten 70-Jahre Liedgut auf. Aber das war es dann eben auch. Wirklich ernst gemeinte Angebote und Konzepte für Rock- und Pop fehlen fast gänzlich. Vermutlich auch, weil das Personal fehlt (s.o.)

Beinahe hätte ich es unterschlagen: den Pop-Kantor. Ich frage mich jedes mal, wie lange sie wohl damit verbracht haben, um diese Tätigkeitsbeschreibung so abschreckend und sperrig wie nur irgend möglich zu kreieren…

Im Ernst: ich kenne einen Pop-Kantor und seine Vita und seine Arbeit, die wirklich sehr, sehr gut ist. Der Mann weiß, wovon er spricht und weiß, was er tut: astreine, gut produzierte Songs, die auch im Radio laufen könnten. Aber er ist quasi ein Einzelfall in Kirche und aufgrund seiner Tätigkeitsbeschreibung wird es (leider) noch viel Gelächter geben. Warum – um Himmels willen – lässt sich nicht einfach sagen: wir haben hier ´nen guten Mann, der sich um Rockmusik in der Kirche kümmert?
Nee: Pop-Kantor.

Da komm ich nicht drüber weg…

Aproppos Radio:

In den USA (jajaja: ich weiß schon – die machen auch nicht alles richtig^^) lässt sich sehr gut verfolgen, wie es gehen könnte: dort sind regelmäßig Stücke von christlichen Rock-/Popbands in den charts und laufen im Radio rauf und runter bzw. werden regelmäßig für Grammys nominiert. Das ist dort völlig normal. Die Stücke sind professionell produziert und werden von großen Plattencompanys ge-featured, bei Auftritten füllen sich große Hallen. Völlig normal.

Hierzulande ist das völlig undenkbar.

Die in den USA gängigen Strukturen von Kirchenmusik gibt es hier nicht – trotzdem lohnt sich der Blick dorthin sehr. Unsere Kirchenmusik-Strukturen sind vorwiegend klassisch und im negativen Sinne sehr konservativ geprägt. Der Eindruck entsteht, dass Veränderungen nicht sehr erwünscht zu sein scheinen.

Rock und Pop in der Kirche: Igitt. Das ist doch keine Musik.

Habe ich so schon live gehört. Von Kirchenmusikern.


Ein Fazit, das eigentlich zum Hilferuf mutiert, oder?

Liebe Kirche: es reicht leider nicht, versänftelte Kirchentags-Songs in Sondergesangsbüchern für *Moderne Kirchenmusik* in Gemeinden darzureichen. Reicht nicht, ehrlich!
Es reicht auch nicht, den 738sten Gospelchor aus dem Boden zu workshoppen:
die Leute, die sich das anhören, sind sowieso schon in der Kirche.
Und es werden dadurch auch nicht mehr.

Es gibt viel mehr da draußen. An Musik.

Über diese Musik lassen sich die Menschen erreichen, die nicht in der Kirche sind.

Bitte, liebe Kirchen: guckt über Eure Mauern und hört auf, an unzeitgemäßen Strukturen zu kleben.

Bitte.


Persönlicher Nachsatz:

Dieser blog ist hoffentlich kein unnötiges Herumgeschimpfe. Jedesfalls soll es keins bleiben. Ich habe mir vorgenommen, mich mit den entsprechenden, verantwortlichen kirchlichen Stellen ins Benehmen zu setzen, um etwas anzuschubsen, zu verändern. Ich biete Hilfe an. Ganz offensiv. Pläne und Konzepte. Für euren Zuspruch, eure Fragen, eure Ideen und Ratschläge bin ich erwartungsvoll offen.

Bitte schreibt mir. Danke.

email: hier klicken. Ganz einfach.

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7 Gedanken zu “Kirche rockt. Nicht.

  1. Hallo Christoph. Danke für den schönen, polemischen Blogbeitrag über Rock und Kirche.
    Leider oder erfreulicherweise erkenne ich werde mich selbst noch meine Gemeinde in der scharfen Kritik wieder. Ich mache als Pfarrer selber Rockmusik – und weil ich Pfarrer bin, erwartet von mir keiner, dass ich auch noch den Kirchenmusiker-Waffenschein mitbringe. Gewiss, mein Niveau ist nicht ganz professionell, da ist Luft nach oben, und ich verschielle mich keineswegs der Erschliessung dieser Luft. Aber unsere Kirche Rockt! (Nicht immer, die Tradition gibt’s auch, aber immerhin) Oder sie hat den Blues, wenn das auch zählt.

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  2. Spricht mir aus der Seele. Kenne bisher auch nur zwei, die hauptberuflich für Rock, Pop, Jazz in der Kirche zuständig sind. Aber es ändert sich was. Auf den Kirchentagen merkt man’s schon. Bei mir zuhause habe ich super Erfahrungen mit Rock und Pop im Gottesdienst gemacht. Monatlich. Erst aktuelle Chart-Songs umgetextet, dann auch eigene Songs geschrieben. Um die 150-180 Leute in der Kirche, sonst 50-60. Macht riesigen Spaß! Was wir heute machen: http://www.rock-story.de.

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  3. Also wir rocken! Jeden ersten Sonntag im Monat. Abendgottesdienst „ConneCt “ in der Friedenskirche Buchholz. Laut, mitreißend, bunt, volle Instrumentalisierung und mit ambitionierter Botschaft. Wir machen sogar Gottesdienst in der Disko. Hingehen, anschauen, zuhören. Facebook Abendgottesdienst.

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  4. Hallo!
    Ich bin Kirchenmusiker und will ungerne total auf meine (gute klassische) Kirchenmusik verzichten. Mit Oratorien, Bläsern, Kinderchören etc. kann man durchaus eine vernünftige Verkündigung betreiben. Ich könnte auch mit Zahlen gegenargumentieren: „meine Gottesdienste und Konzerte sind immer gut besucht…“ Aber was sind schon 150 Gottesdienst- oder 500 Konzertbesucher?
    Außerdem stimmt es ja: gute Rock-Musik würde der Kirche gut tun. In meinem Einzugsgebiet organisieren wir ab und zu (viel zu selten) Band-Workshops mit professionellen Pop-Musikern, um dieses Anliegen voranzubringen. Vielleicht können wir deine „offenive Hilfe“ in Anspruch nehmen?
    Mich persönlich würde außerdem ein gutes Forbildungsangebot für amtierende Kirchenmusiker reizen.

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  5. Der Artikel „haut in eine Kerbe“, die unser Bundesverband (www.bka-online.org) aber auch der Zusammenschluß der Popularmusikausbildungen (www.popausbildung.de) versuchen lebendig und aktiv zu gestalten. Gerne Kontakt aufnehmen oder „nur mal anklicken“.

    Ganz aktuell bietet der Bundesverband Kulturarbeit in der evangelischen Jugend e.V. gerade für „Einsteiger bzw. (Semi-)Professionelle“ das Angebot #CoachingtagePOP (coachingtagePOP.bka-online.org) an. Dort geht es genau um die Menschen, die gerne, im weitesten Sinne, Popularmusik in der Kirche und anderswo unterstützen und passieren sehen möchten. Hierzu gibt es methodischen Input von Profimusikern die in der Musikszene Deutschlands und in der Kirche unterwegs sind. Es gibt Gelegenheit sich zu treffen, kennenzulernen und Netzwerke aufzubauen.

    Entschuldigt, dass es hier ein wenig nach Werbung klingt. Aber es gibt Menschen und Netzwerke, die sich mit genau der Situation, wie du/ihr sie beschreibt, auseinandersetzen.

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  6. Sehr treffend!
    Man überlege, wie flexibel Ev. Kirche mit ihren Glaubensgrundsätzen in den letzten, sagen wir mal nur, 50 Jahren umgegangen ist!!!!
    Dieser totalen (und problematischen) Flexibilität und dem Anpassungswahn will man wenigstens etwas entgegen setzen….eben die schöne alte Kirchenmusik.
    Die darf sich nicht ändern! Das ist doch unsere Tradition…
    Bei theologischen Grundlagen gibt man sich sehr viel freizügiger und „weltoffen“…

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