Kirche rockt. Vielleicht doch? Ein Nachschlag.

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Da habe ich ja offensichtlich ein ziemliches Fass aufgemacht. Oha.

Ich bin jedenfalls einigermaßen überrascht von der Resonanz auf meinen letzten Artikel.
Innerhalb von zwei Tagen explodierte meine Statistik: weit über 1000 Leute hatten nach 48 Stunden den Artikel gelesen, weitergeleitet oder empfohlen – überdies war mein mail-Postfach rappelvoll und es wurde kräftig (...auch in sozialen Netzwerken) diskutiert, kommentiert und ich bekomme immer noch Nachrichten. Darunter sehr viel Zuspruch, Anerkennung und auch Anregungen. Von evangelischer wie von katholischer Seite übrigens.

Euch allen also vielen Dank dafür!


Wie ja schon angedroht, habe ich mir vorgenommen, mit dem blog nicht bloß konsterniert stehen zu bleiben, sondern weiterzugehen.

Was also tun?

Am besten immer mal gleich vor Ort anfangen – hab ich mir gedacht – und zunächst mal mit der hiesigen Kreiskantorin Kontakt aufgenommen und sie auf meinen Artikel hingewiesen.

Die Antwort kam prompt, und ich war doch einigermaßen verblüfft, wie sehr sie mit meinen Einschätzungungen d‘ accord geht und ins Gespräch kommen will. Sie drückte auch ihr Bedauern über mangelnde zeitliche und fachliche Kapazitäten diesbezüglich aus, und dazu gehört ja erst mal was. Zu dem bestätigte dies meine Vermutungen zum – im zitierten Artikel beschriebenen – vorhandenen Dilemma. Die Gesprächsbereitschaft ist also da, und ich werde sie nutzen und ausbauen.


Über die vielen Reaktionen, Zuschriften und Kommentare habe ich von Organisationsformen und Initiativen erfahren, die teils mit vorsichtigen, ersten Erfolgen arbeiten oder nur (aus den bekannten Gründen) still und leise vor sich hin dümpeln.

Auch hier will und werde ich Kontakt aufnehmen und denke im Augenblick an über einen Austausch und/oder eine Vernetzung nach.

Jaja… ich höre schon Eure Unkenrufe: Ist ja alles ganz prima, aber doch sehr wenig praktisch – bitte nicht noch ein um sich selbst kreisendes Netzwerk!

Stimmt. Sehe ich auch so. Man muss zwar voneinander wissen, sollte aber auch was tun.

Daher nun endlich mal ganz praktisch:

Aus meiner (säkularen) Arbeit mit/um/bei Bands lässt sich allerhand beitragen. Angesprochen werden sollen nicht nur Kirchenmusiker, aber eben gerade auch die. Und: alle, die in die Arbeit mit Jugendlichen/Konfis/Jugendkreisen/jungen Erwachsenen usw. eingebunden sind.

Unbedingt auch Pastoren und Kirchenvorstände (s.u.).

Ich glaube sicher, dass gerade der Blick über die schon zitierten Kirchenmauern neue Sichten zulässt und diese Arbeit befeuern wird – Rock und Pop funktioniert nach ganz, ganz anderen Gesetzen, braucht völlig andere Strukturen und gründet sich auf deutlich abweichende Erfahrungen.

Dazu gehören neben der Musik und den  wichtigen inhaltlichen Aspekten, vernünftige Präsentation(en), solide Veranstaltungstechnik, ein gewisses Management, intensive Pressearbeit, Kontakte zur Veranstalungsszene und und und…

Aufgabe muss es sein, Wissen zu transportieren, um das alles wirklich zu verstehen und damit konkret Hilfe zu vermitteln. Ich bin mir sicher, dass eine solche Arbeit deutlich besser von Externen (nicht-Kirchenmusikern) Kräften geleistet werden soll. Damit will ich die Arbeit von Kirchenmusikern keinesfalls schmälern: sie haben nur völlig andere Erfahrungen. Natürlich kann und will ich damit auch nicht die gesamte kirchenmusikalische Ausbildung umkrempeln (auch wenn ich in bestimmten Momenten dazu nicht übel Lust verspüre… 😉 ). Darum wird es nicht gehen können.

Aber doch um eine breit angelegte Ergänzung und Anleitung. Da werde ich ansetzen. Dazu jedoch braucht es eine ebenso breit angelegte Unterstützung. Und nicht nur zwei bis drei *Pop-Beauftragte* in der gesamten EKD. Sondern den ausdrücklichen Willen aller Verantwortlichen.
Vielleicht sollte ich mich auch mal an Herrn Padfor…. ääh Bedford-Strohm wenden, was denkt ihr? Hat jemand eine mail-Adresse für mich?  🙂


Back to business:

Natürlich kann und werde ich mich nicht hinsetzen, und eine Band nach der anderen aus dem Boden stampfen.

Das wird – obwohl sicher wünschenswert – nicht klappen.

Hiermit möchte ich folgendes offensiv anbieten:

Denkbar ist für mich konkrete Unterstützung in den Kirchenkreisen und Gemeinden, bei Kirchenvorständen, Pastoren, Funktionern und andere Beteiligte – auch wenn das erst mal nur Beratung sein wird.

Ich kenne die vielen Fragen aus meiner beruflichen Erfahrung (übrigens auch aus meiner eigenen Gemeinde…), aber ich kenne auch das Potential, das die Gemeinden haben – gerade infrastrukturell gibt es dort vielfältige Grundlagen, die man sich für solche Arbeit zu nutze machen kann.

Es geht aber  – neben den oben schon angeführten Grundsätzlichkeiten – auch um Beratung bei der Organisation von Veranstaltungen: so steht z.B. nirgendwo in Stein gemeißelt, dass Bands nur in Gottesdiensten oder Kirchen spielen sollen. Nochmal: auch hier gibt es ein großes Potential. Es gilt, die richtigen Fäden zu ziehen und sich vorhandene Strukturen zu erobern.

Das geht. Lässt sich alles lernen.


Wer also konkret an so einer externe Beratung und zu Gesprächen interessiert ist: bitte organisiert was, sagt mir, wann und wo – ich komme gerne!

Für konkrete Eure konkreten Termin-Anfragen und/oder sonst ernst gemeinte Beiträge steht Euch meine e-mail zu Verfügung.

Ganz einfach hier klicken und losschreiben.

Ich freue mich auf Eure Zuschriften, Fragen, Anregungen und so. 😉

Wir lesen uns!

Christoph


Noch was in eigener Sache: Meine Bio bzw. mein Impressum auf dieser Seite wurde ein paar mal angefragt/angemahnt. 😉
Ich werde dem nachkommen: hier gibts eine Rubrik *Meine Seite* – bisher ist nur ein Blindtext drin, aber dort die Tage also mehr über mich… Wieder reinklicken, bitte.

Mein blog beschäftigt sich übrigens nicht nur mit Kirchenmusik. Hier gehts auch regelmäßig bei anderen Themen zur Sache. Der button zum abonnieren findet sich irgendwo in der Mitte rechts… Bei twitter findet ihr mich auch regelmäßig, wer mir folgen möchte, ist dazu herzlich eingeladen. Dort bin ich @chris_huebener

Kirche rockt. Nicht.

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Also wer jetzt hier was über die Flüchtlingsdebatte lesen möchte: bitte an die Tagespresse und/oder einschlägige Nachrichtenmagazine wenden. Hier geht’s heute mal in eine ganz andere Ecke.


Nämlich Richtung Kirchenmusik.

Und jetzt bitte einen Schreck bekommen. Und weiterlesen.

Ich muss kurz (hoffentlich gelingt’s!) ausholen: Der Anlass zu diesem Beitrag ergab sich aus meiner langen Betrachtung aus der Sicht des kirchenaktiven und der des Rockmusikers / Bandcoachs. Zudem aus neuen Kircheninitativen und – sehr aktuell – aus einem Diskurs mit einem engagierten Pfarrer in einem bekannten sozialen Netzwerk. Wichtig: dieser Beitrag richtet sich nicht nur an (Kirchen-) Musiker. Aber natürlich auch.

Und Vorsicht – Der Beitrag polarisiert und ist an einigen Stellen wirklich polemisch!

Soll er auch.

Denn ich finde es sehr, sehr ärgerlich, wenn Kirche auf der einen Seite ständig beklagt, dass ihr die Leute wegrennen und/oder nicht bleiben, auf der anderen Seite aber in vielerlei Hinsicht nichts dagegen tut, obwohl es durchaus Möglichkeiten gäbe.


Stein meines Anstoßes waren also ein paar sogenannte moderne Kirchenlieder, die auch in Gesangbüchern abgedruckt werden. Man muss dazu verstehen, dass diese Lieder im Kirchsprech reichlich verquast, weltenfern und zudem (bis auf Ausnahmen) unzutreffend mit der Kategorie moderne Popularmusik in Kirche belegt werden. Alles klar?

Bei dem so apostrophierten Musikgut handelt es sich übrigens fast ausschließlich um seichte Pop-/Folk-/Protest-/Mitmach-Stückchen aus den siebziger Jahren. So kämpft heute (zur Erinnerung: wir schreiben das Jahr A.D. 2015!) der durchschnittliche Konfirmandenunterricht immer noch mit den musikalischen Spätfolgen dieser Dekade.

Solche Musik hören wir aber heute nicht mehr (oft). Jedoch machen die Konfis das alles meist brav mit (was sollen sie denn auch sonst machen?), und es gibt viele Pfarrer, die versuchen, diese Musik mit viel Energie ans Kirchenvolk zu bringen.

Sie haben ja nichts anderes. Woher auch?

Doch dazu später.

Jetzt habe ich erst mal ein paar Aufreger für die klassischen Kirchenmusiker an Orgel, Posaune oder Gospelchor:

Erschreckend innovativ wird es musikalisch in der Kirche, wenn schon mal auf der Orgel zu Beginn des Gottesdienstes ein Stück von Lady Gaga intoniert wird. Ist kein Witz – das hab ich selbst erlebt. Auf meine erstaunte Nachfrage hieß es: modern. Ich habe mich nach dem ersten Schock in gleichem Zuge übrigens gefragt, warum bisher niemand modern fand, ein Stück von den Stones auf einem Spinett einzuspielen. Ich hoffe, die Antwort ist selbsterklärend. Mann, mann…

Es gibt übrigens viele ähnliche Beispiele, die ich auf Nachfrage zu Unterhaltungszwecken gerne weitergebe.

Ein Wort aber doch noch zu den vielen sogenannten Gospelchören, die ja jetzt unglaublich in Mode sind. Es ist – so erlebe ich das – so mit das allermodernste, was Gemeinden sich trauen, ihren Kirchenbesuchern überhaupt zuzumuten. Das klingt übrigens in Regel so, wie vermutet wird, das Gospel so klingen müsste. Naja… Gut, gut: ich hör schon auf, ich werde kleinlich….


Zurück zum Thema: eine Band im Gottesdienst? Das geht nicht. Höchstens ein Keyboard mit Gitarre, verschanzt hinter Notenständern. Band ist zu laut. Da rennen alle raus – wird gerne argumentiert.

Jetzt werde ich nochmal kleinlich: Ich habe noch niemanden erlebt, der bei voll registriertem Kirchenorgel-Vorspiel rausgegangen ist, weil ihm das zu laut war. Gilt übrigens auch für ein voll besetztes Bläser-Ensemble, das eigentlich fast noch lauter als die zitierte Orgel ist. Dabei entspricht der dort erreichte Pegel etwa dem gleichen Niveau, wie dem einer Band.

Daran kann es also offensichtlich nicht liegen.

Bleiben wir beim Publikum: Zu modern (was immer das ist…) darf die Kirchenmusik nicht werden, wird immer gesagt, weil nämlich dann die alten Leute (…also in der Regel, die, die überhaupt noch zum Gottesdienstbesuch kommen / Anm. d. Ver.) wegbleiben.

Wird immer gesagt.

Ich halte das für ein Scheinargument und für einen Irrtum, auch deshalb, weil damit unterstellt wird, dass alle jenseits von fünfzig/sechzig Jahren Pop- und Rockmusik hassen. Was natürlich völliger Quatsch ist.
Diesbezügliche Experimente (leider viel zu wenig durchgeführt) zeigen zu dem etwas anderes: bei gut eingeführter Pop- oder Rockmusik in Gottesdiensten bleiben die Älteren durchaus da. Und zu allem Überfluss: die Jüngeren und Mittel-Alten beginnen, sich über diese Musik wieder für Kirche zu interessieren und kommen wieder.

Das geht. Und ist gar nicht so schwer.

Doch warum ist das so selten? Warum ist die Ablehnung so groß und warum so wenig Initiative da?

Es ist ja nicht so, dass es keine Leute gibt, die da gerne helfen möchten. Aber bei näherer Betrachtung wenden sie sich oft kopfschüttelnd ab.

Und das zu Recht.
Folgende, realistische Fantasie:

Ein Rockmusiker, der seit einige Jahren in diversen säkularen Bands unterwegs ist und einiges musikalisch auf dem Schirm hat, hat zu seinen kirchlichen Wurzeln zurückgefunden und überlegt sich, mit seinem erworbenen Wissen zu helfen.
Das wird ihm aber schwer gemacht. Denn: um Musik offiziell in einer Gemeinde anleiten zu dürfen, bedarf es einer gewissen Anzahl kostenpflichtiger Kurse (mit Aufnahmeprüfung!), die sich zudem fast ausschließlich mit klassischen, musikalischen Grundlagen beschäftigen. Das mag zwar ganz interessant und erhellend sein, geht aber an der Realität von Rock-und Popmusik völlig vorbei.
Also sucht unser Rockmusiker schnell das Weite.

Diese Ausbildungsauflagen hängen (durchaus erklärbar) mit tradierten, kirchenmusikalischen Strukturen zusammen, die von den Kirchenoberen weitestgehend zementiert werden. Verzeihung – Ausnahme ist natürlich: moderne Popularmusik in Kirche (s.o.)
Übrigens wird in den Kirchenmusiker-Stellenanzeigen eben das immer öfter für die Gemeinden gefordert: Bandarbeit. Innovative Ideen. Ich kenne aber keinen ernsthaften und gutwilligen Rockmusiker (und ich kenne wirklich einige…)., der einen Kirchenmusikschein macht. Wer bewirbt sich also? Klassisch ausgebildete Musiker, die einen workshop belegen und dann was produzieren? Genau! – moderne Popularmusik in Kirche (s.o. noch mal). So beißt sich die Katze in den Schwanz. Ein Schelm! – der Böses dabei denkt…

Dennoch gibt es Ausnahmen: (überwiegend) in vielen Freikirchen gibt es worship-Bands, die oft erstaunlich gut sind. Allerdings ist das eben auch nicht wirklich Rock- oder Pop, sondern eher eine Art Funktionsmusik zum sogenannten Lobpreis – das wird schon gerne mal verwechselt… Aber immerhin geht das dort schon, und deren Jugendgottesdienste sind  – im Gegensatz zu denen der Landeskirchen – immer erstaunlich voll.

Es gibt auch Initiativen einzelner Landeskirchen, die versuchen, über Foren-artige Internetpräsenzen (durchaus auch in sozialen Netzwerken) Kirchenmusik wieder in den Mitmach-Fokus zu rücken – leider eben nur halbgar: neue Angebote/Initiativen (z.B. für Rock-/Pop) finden sich hier explizit nicht. Bei genauer Durchsicht fällt auf: durchgängig bereits Etabliertes. (An-)Gepriesen werden in den Programmen fast ausschließlich Kurse für Orgelmusik, Posaunenchöre, Gospelchöre, Singen mit Kindern. Nicht zu vergessen die Veranstaltungs-Angebote für das breite Publikum: Orgelkonzerte, Gospelchöre und Gospelchöre. Und Bläser. Und Orgelkonzerte. Und nicht, das mir jemand vorwirft, ich recherchiere schlampig – stimmt! – Es tauchen auch ab und zu die etablierten Kirchenliederbarden mit dem schon erwähnten 70-Jahre Liedgut auf. Aber das war es dann eben auch. Wirklich ernst gemeinte Angebote und Konzepte für Rock- und Pop fehlen fast gänzlich. Vermutlich auch, weil das Personal fehlt (s.o.)

Beinahe hätte ich es unterschlagen: den Pop-Kantor. Ich frage mich jedes mal, wie lange sie wohl damit verbracht haben, um diese Tätigkeitsbeschreibung so abschreckend und sperrig wie nur irgend möglich zu kreieren…

Im Ernst: ich kenne einen Pop-Kantor und seine Vita und seine Arbeit, die wirklich sehr, sehr gut ist. Der Mann weiß, wovon er spricht und weiß, was er tut: astreine, gut produzierte Songs, die auch im Radio laufen könnten. Aber er ist quasi ein Einzelfall in Kirche und aufgrund seiner Tätigkeitsbeschreibung wird es (leider) noch viel Gelächter geben. Warum – um Himmels willen – lässt sich nicht einfach sagen: wir haben hier ´nen guten Mann, der sich um Rockmusik in der Kirche kümmert?
Nee: Pop-Kantor.

Da komm ich nicht drüber weg…

Aproppos Radio:

In den USA (jajaja: ich weiß schon – die machen auch nicht alles richtig^^) lässt sich sehr gut verfolgen, wie es gehen könnte: dort sind regelmäßig Stücke von christlichen Rock-/Popbands in den charts und laufen im Radio rauf und runter bzw. werden regelmäßig für Grammys nominiert. Das ist dort völlig normal. Die Stücke sind professionell produziert und werden von großen Plattencompanys ge-featured, bei Auftritten füllen sich große Hallen. Völlig normal.

Hierzulande ist das völlig undenkbar.

Die in den USA gängigen Strukturen von Kirchenmusik gibt es hier nicht – trotzdem lohnt sich der Blick dorthin sehr. Unsere Kirchenmusik-Strukturen sind vorwiegend klassisch und im negativen Sinne sehr konservativ geprägt. Der Eindruck entsteht, dass Veränderungen nicht sehr erwünscht zu sein scheinen.

Rock und Pop in der Kirche: Igitt. Das ist doch keine Musik.

Habe ich so schon live gehört. Von Kirchenmusikern.


Ein Fazit, das eigentlich zum Hilferuf mutiert, oder?

Liebe Kirche: es reicht leider nicht, versänftelte Kirchentags-Songs in Sondergesangsbüchern für *Moderne Kirchenmusik* in Gemeinden darzureichen. Reicht nicht, ehrlich!
Es reicht auch nicht, den 738sten Gospelchor aus dem Boden zu workshoppen:
die Leute, die sich das anhören, sind sowieso schon in der Kirche.
Und es werden dadurch auch nicht mehr.

Es gibt viel mehr da draußen. An Musik.

Über diese Musik lassen sich die Menschen erreichen, die nicht in der Kirche sind.

Bitte, liebe Kirchen: guckt über Eure Mauern und hört auf, an unzeitgemäßen Strukturen zu kleben.

Bitte.


Persönlicher Nachsatz:

Dieser blog ist hoffentlich kein unnötiges Herumgeschimpfe. Jedesfalls soll es keins bleiben. Ich habe mir vorgenommen, mich mit den entsprechenden, verantwortlichen kirchlichen Stellen ins Benehmen zu setzen, um etwas anzuschubsen, zu verändern. Ich biete Hilfe an. Ganz offensiv. Pläne und Konzepte. Für euren Zuspruch, eure Fragen, eure Ideen und Ratschläge bin ich erwartungsvoll offen.

Bitte schreibt mir. Danke.

email: hier klicken. Ganz einfach.

Rundumschlag

 

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Erster richtiger Beitrag: Schwierig.

Ich weiß gar nicht, wohin ich vor lauter Themen gucken soll. Ihr richtet Euch also besser auf einen (hoffentlich unterhaltsamen) Rundumschlag ein….

Vielleicht fange ich damit an, was in der letzten Woche (bei mir) so los war, okay?
Also: Ich habe mindestens vier sehr unterschiedliche Predigten in der Kirche zu verschiedensten Anlässen gehört und eine gelesen (das war zum Teil recht erhellend…), meine Tochter konfrontierte mich mit der Lösung eines Aufnahmetests zum Medizinstudium (das war weniger erhellend: es gereicht mir bestenfalls zum 50%-Arzt…); ich durfte zudem feststellen, dass sich das innereuropäische Postzustellsystem etwa auf dem Stand der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts befindet: die Postkarten aus der Normandie (vor drei Wochen gesendet…) erreichten die Freunde zeitgleich. Also: gestern (erfreulich!). Bisher unbefriedigend: meine Literaturauswahl für den bevorstehenden Herbst. Kann mir jemand helfen, bitte??

Und ich muss weiter klagen: die köstlichen Ferien sind samt meteorologischem – ebenso köstlichem – Sommer dahin (wenig erfreulich…). Schade: so entgeht mir eine hochgelobte Ausstellung über Robert Capa im fernen Budapest, welches – wie sich lesen lässt – auch keine Flüchtlinge mehr einlädt (…beides bedauerlich).

Wenig erfrischend ist es im Moment, die Politik und die öffentlichen Reaktionen in Augenschein zu nehmen (war es das je?).

Und auf der Flüchtlingswelle werde ich nur in sofern reiten, als das ich konstatieren kann, dass es erstaunlicherweise offensichtlich ein paar intelligente Zeitgenossen gibt, die richtig feststellen: Ja, wir sind wirklich selbst dran Schuld. Das geht natürlich in den derzeitigen politischen wie gesellschaftlichen Schall- und Rauch-Debatten völlig unter und scheint auch so gewollt: Wer will sich schließlich schon mit schwierigen, geschichtsträchtigen kolonial- und geopolitischen Verwicklungen oder mit wahnsinnigen, post-kolonialen Despoten auseinandersetzen? Da ist ja die idelologisch geprägte Hatz durch die desaströse Europapolitik durchaus kurzweiliger. Schuldzuweisungen sind hier übrigens auch erheblich einfacher. #nurmalso.

Aber auch die Reaktionen der sogenannten Öffentlichkeit hierzulande finde ich ausgesprochen – wie soll ich sagen? – anstrengend: Da leben wir nun deutlich länger als ein komplettes Jahrhundert auf dem Rücken der sogenannten Drittländer und wundern uns dann sehr aufgescheucht, dass deren Einwohner plötzlich(!) die Entdeckung machen, dass es ihnen hier bei uns erheblich besser gehen könnte. Daran haben wir gar nicht gedacht… Soetwas.

Und dann die Metaebene: Wir sind nach der Berichterstattungs- und Bilderflut sofort über die Maßen bestürzt und in unserer Seele tief berührt: die armen Menschen!! Auch alles ganz plötzlich. Haben wir vorher auch gar nicht dran gedacht.

Wie erleichternd ist es doch im Angesicht der vielen verstörenden Bilder, dass der süße (und bereits verschiedene…) Eisbär Knut wieder mit herzerweichend schönen Fotos in die sozialen Netze einfällt: Dank der Wissenschaft erfahren wir (empathiegetrieben!) nun endlich (auch auf den Panorama-Seiten der Tagespresse) die rätselhafte Ursache seines Ablebens: die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis wars! Das ist doch mal ein echter Erkenntnisgewinn, oder?

Und noch ein Lichtblick: Eine Predigt, die ich las. Sie stammt vom Lingener Pfarrer Jens Brandebusemeyer (ein katholischer Glaubensbruder btw…). In dieser Predigt also rät er Rassisten öffentlich, aus der Kirche auszutreten. Zugegeben: ich bin echt beeindruckt! Nachlesen lässt sich diese Predigt hier.

Und jetzt doch noch einmal zu Thema Flüchtlingen. Dann hör ich aber damit auf. Versprochen. Die Evangelikalen scheuen sich aber auch gar nicht, den Finger in die Wunde zu legen! Wie nämlich deren (bildzeitungs-adäquates) Presseorgan IDEA verlauten lässt, fragt ein gewisser U. Siemon-Netto (Gründer eines theol. Zentrums/Anm. d. Verf.) ausgesprochen feinfühlig in die christliche Runde: *Erkennt die Kirche ihre Pflicht, die Flüchtlinge (…) auf unseren ganz anderen Gott hinzuweisen, der niemanden dazu aufruft, Köpfe abzuschneiden, sondern sich für uns ans Kreuz nageln lässt?*

Öhm, also nur noch mal zum besseren Gesamtverständnis: Der Mann bezieht sich damit auf den biblischen Missionsauftrag. Ist doch Klasse, oder?


Mal ehrlich:

Es tut doch auch gut, sich wieder vom komplexen Weltentreiben abzuwenden und sich in Provinzielle zurückzuziehen. Das haben ja auch östliche Politfürsten erkannt und nun ganz doll mit den Wessis geschimpft! Auf die Presse und überhaupt alle, die sagen, nur in der ehemaligen sowjetisch besetzten Zo…. hüstel.. DDR wäre alles so schlimm mit den Nazis. Das stimmt nämlich gar nicht, erfahren wir. Ich lass das mal umkommentiert stehen.

Oder besser nicht: Worum geht es da eigentlich??? Worum? Ich bitte um Beistand!

Also noch mal Provinz. Hier ist ja zum Glück das viel zitierte Sommerloch nicht existent: es wird an jeder Ecke gefeiert, bis der letzte Zapfhahn bricht! Keine Kleinstadt, die sich mit massivstem sommerlichen Veranstaltungsaufgebot die Butter vom Brot nehmen lässt. Geradezu inflationär, was Stadtmarketing und Gewebevereine (ganz uneigennützig natürlich…) da so auf die Beine stellen. Hauptsache feiern. Manchmal – so erlebe ich – könnte das sogar mit Kultur zu tun haben, die da irgendjemand ge-hypt hat. Aber das wird wohl (bedauerlich!) immer eine Nische bleiben: Stadtfestlicher Vergnügungs(verkaufs)rausch ist eben leider selten kulturkompatibel. Was zu bedauern ist.

Und das treibt natürlich oft realsatirische Blüten: so brüstete sich zum Beispiel eine heimische Brauerei in der Lokalgazette damit, eine Spende und Höhe von satten 750 Euro abzuliefern (whow!). An das Schützenfest. Großartig und recht generös, wenn man weiß, dass eigentlich zu diesem Feste kein anderes Bier ausgeschenkt werden dar… äh.. wird, als das von der zitierten Brauerei. Auweia.

Übrigens lauert allerorten (auch im höchsten niedersächsischen Norden) schon wieder das Oktoberfest! Die ersten Krachledernen werden nebst Dirndl im hiesigen Einzelhandel mit Blick auf hereinbrechende bayrische Fest-Adaptionen feilgeboten. Ich darf mich wundern: in Bayern käme vermutlich auch niemand auf die Idee, ein Erntefest in Schaumburger Tracht zu feiern… Naja. So lange ich das nicht tragen muss…
Apropos Bayern! Dort werden derzeit mal wieder unter dem Jubel der Einheimischen ikonenhafte Denkmäler aufgestellt: zum einen wird ein ehemaliger Partei-Anführer, Landesfürst und Nicht-Kanzler anlässlich seines 100ten Geburtstages trotz all seiner endlosen Affären und nachweislichen Korruptionsgelüste gen Himmel gehoben. Zelebriert wird das auch mit einer katholischen Messe zu seinen Ehren.

Und das Zweite Deutsche Fernsehen (aka ZDF) trägt eine weitere weihevolle und urbayrische Huldigung an diesem Wochenschluss bei: Zu seinem 70. Geburtstag wird Fifa-Exekutiv-Mitglied Herr F. Beckenbauer mit einem umfassenden Bild (so Produzent Hofmann…) geadelt. Natürlich – wie der Kommerz-Maschine #Fußball angemessen – reichlich heroisch und zu dem gewohnt unkritisch: Fragen zu seinen Katar-statements oder zu seiner unrühmlichen Rolle in der Fifa wurden wohl (offenbar auch auf Betreiben des Protagonisten) gänzlich ausgespart. Könne man sich ja auf  YouTube angucken, mault der Produzent auf Nachfrage. Aha.

Lichtgestalt, ließ sich in einer Rezension nachlesen. Wie schön. Sowas brauchen wir ja heute unbedingt. Lichtgestalten!


Und als Ex-Pilot wird es mir zum Schluss ganz warm ums Herz: mein Lieblingsflieger (die legendäre Douglas DC-3) wird in diesen Tagen 80 Jahre alt – ich saß schon mal (stolzgeschwellt!!!) als Co mit im Cockpit. Überraschung: Der Spiegel in seiner boulevardesken online-Ausgabe widmet dem sogar eine bemerkenswerte Rückschau (!!!), und ich bin fast ein bisschen begeistert. Der Artikel zitiert auch Luftfahrtexperten Paul Dean: Die DC-3 ist das einzige Flugzeug, das seine Erstflieger überlebt und deren Söhne in Pension befördert hat. Der Mann hat recht.

Ich hätte ja nicht übel Lust, noch mal was über ein Interview mit Deutschlands Ober-Country-Trucker Gunter Gabriel zu schreiben, welches ich im Feuilleton der SZ fand, doch ich sehe Euch schon mit den Händen ringen.

Keine Angst: es sei Euch erspart!  😀

Zum Beschluss noch ein kleiner Rat: geht mal wieder in Eure Kirche, die Tage. Ihr bekommt da sicher was zu hören…

Ansonsten Euch eine schöne neue Woche…

Bleibt aufmerksam!

wünscht sich

 

Christoph